Donnerstag, 21. April 2011
Heute morgen waren die Kleinen realtiv ruhig. Natürlich das übliche Weinen, Wickeln, Füttern usw. Eines der ganz kleinen Babys, welches gerade 6 Wochen alt ist, ist sehr krank. Es kann einfach nicht atmen, weil seine Lunge so verschleimt ist. Dann liegt es da in seinem Bettchen schnappt verzweifelt nach Luft, hat schon gar keine Tränen zum weinen mehr übrig, und der Schleim läuft aus der Nase…Da ich nicht weiß, wie ich die Lunge frei bekommen kann habe ich ihren Rücken etwas höher gebettet, sodass sie nicht ganz flach liegt. Aber die Frauen im Heim wollen nicht, dass die Kleinen Kissen zum Schlafen haben, also nehmen sie es weg. Dann liegt der Winzling wieder da, schaut dich mit großen Augen an und man weiß nicht was man machen soll. Auch die hundertste Aufforderung doch mit dem Baby ins Krankenhaus zu gehen wird einfach ignoriert oder mit „no, no doctor!“ abgetan. Dann nehmen sie die einzige Pipette die sie haben, füllen sie mit irgendeinem Grippemittel, dass hier gegen alles hilft ;-) und tropfen es der Kleinen in die Nase. Als ob das das Problem lösen würde…
Ich rege mich jeden Tag darüber auf wie unterschiedlich doch die Leben zweier Kinder sein können. Während es von den meisten westlichen Babys mindestens 2 Fotoalben und einen Karton von Kindheitserinnerungen gibt, werden die meisten Babys im Heim nicht mal beim Namen gerufen.
Die meisten Kinder in Deutschland haben einen Schnuller, Kuscheltiere, Windeln, ein Kissen und eine Decke, eine Menge Kleider und Schuhe, ihre eigene Flasche und einen Hochstuhl.
Hier natürlich alles Fehlanzeige. Angezogen wird das, was gerade nicht dreckig ist, egal ob es passt oder nicht, egal ob Mädchen oder Junge. Alle Kinder im Heim haben geschorene Köpfe und sind stets barfuß, auch wenn die etwas älteren draußen sind, tragen sie keine Schuhe. Fragt man unsere Eltern wann wir das erste Mal unseren Kopf hoch hielten, krabbelten oder gar liefen, wissen sie das mit ziemlicher Sicherheit ganz genau. Im Heim kann keiner sagen, wann das Baby zum ersten Mal aufstand oder seit wann der Kleine „Byebye“ sagt wenn die Freiwilligen nach Hause gehen.
Die meisten Dinge lernen die Kinder weil sie es müssen. Sie müssen ihre Flasche schnell selbst halten, weil es sonst nichts zu Essen gibt, sie müssen schnell laufen lernen, damit sie nicht von den anderen im Laufstall überrannt werden, während sie herumkrabbeln, sie müssen schnell lernen sich selbst zu beruhigen und den Brei dann zu essen wenn sie ihn bekommen und nicht wenn sie Hunger haben. Füttern ist im Allgemeinen das Schwierigste. Gefüttert wird dann wenn man das Kind einfach nicht ruhig bekommt. Das führt dazu das ganz Stille Kinder eben dünner sind und andere, die einfach immer weinen mit kaum einem Jahr Rekordgewichte auf die Waage bringen. Eines der Babys, ein Mädchen, wiegt mindestens 6kg. Sie weint einfach den ganzen Tag. Ich nehme sie so oft wie möglich raus und lasse sie rumkrabbeln anstatt einfach noch mehr Brei in sie reinzustopfen, damit sie wenigstens für ein paar Minuten ruhig ist. Das meiste Essen landet ohnehin immer auf uns Freiwilligen. Es gibt keine Hochstühle, also wird auf dem Schoß gefüttert. Das führt dann dazu, dass Kinder die sich gegen den immergleichen Matsch aus gekochtem Gemüse wehren den ganzen Pamp auf einem verteilen und meistens neu eingekleidet werden müssen.
Wenn man da sitzt, ein kleines Würmchen auf dem Arm und versucht diesen mit ein paar Songs (ich dachte immer der „We Kittens like to walk along down the street“-Song würde mir nie zum Hals raus hängen, aber das tut er mittlerweile ;-) denkt man viel darüber nach was aus diesen Kindern werden soll.
Diejenigen, die einigermaßen clever sind und sich gut durchboxen könne, werden es eventuell nach 18 Jahren im Heim schaffen ihren eigenen Weg zu gehen. Aber was ist mit denen, die nicht so clever, der etwas schwach sind? Der kleine Benjamin z.B. hat Koordinationsschwierigkeiten. Er hält seine Arme immer angewinkelt und obwohl er schon fast ein Jahr alt ist, zieht er beim Krabbeln seine Beine noch hinterher, weil er sie nicht kontrollieren kann. Er ist klein und zerbrechlich. Für ihn besteht keine Chance. Ich will nicht wissen wo er mal landet.
Wir Freiwilligen scherzen immer darüber, wen wir mit nach Hause nehmen wollen.
Wilma ist ganz vernarrt in die kleine Malki, die gerade anfängt zu laufen. Sie will ihr gerne Schuhe kaufen. Die wären natürlich auch notwendig, wenn man so ein Kind im Flugzeug mit nach Hause nimmt. Vera, die Österreicherin, mit der ich jetzt mein Zimmer teile, hat eine kleine Kindertasche mitgebracht, die könnte ihr Handgepäck sein ;-)
Krabbeltiere
Hier in Sri Lanka muss man auf Alles gefasst sein. Es gibt alle möglichen kleinen Krabbeltiere und Reptilien. Von roten beißenden Ameisen, über Skorpione, zu Schlangen, Geckos, grünen Echsen, Kakerlaken usw.
Man darf nicht zu sehr erschrecken, wenn eine Kakerlake das Moskitonetz hochkrabbelt, eine Echse über den Spielplatz des Kinderheims krabbelt (diese war eine kleine Version dieses Killertieres, das seine Kinder frisst, das wir im Senkenbergmuseum gesehen haben, in grün), in Klassenzimmer Ameisenhügel entstehen und kleine schwarze Viecher einen beißen und schreckliches Kribbeln an der Bissstelle hinterlassen.
Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt morgens ein paar Kakerlaken im Badezimmer zu begegnen und jeden Sitzplatz erst auf die Anwesenheit von roten Ameisen zu überprüfen.
Woran man sich wohl nie gewöhnt sind die Spinnen, die oft einfach so von der Decke fallen. Als ich gestern Benjamin fütterte, viel ein riesiges Exemplar von der Decke auf Benjamins Arm und krabbelte dann auf meinen Arm. Ich schüttelte die Spinne ab und diese krabbelte dann am Boden. Eine der Mitarbeiterinnen pickte das Riesending dann auf und zeigte sie dann tatsächlich einem kleinen Baby. Die Singhalesen sind so was einfach gewohnt. Ihr wundert es keinen wenn beim Abendessen eine Kakerlake vorbeifliegt...
Freitag, 22. April 2011
Jennifers Eltern haben eine Zeit lang nur Daal und Reis gegessen und sich dafür sponsorn lassen. Sie haben im Endeffekt knapp 800 Pfund gesammelt, die Jennifer nun in Projekte hier in Sri Lanka investieren kann. Einer ihrer größten Wünsche war es einen Teil des völlig zerfallenden Schulgebäudes zu renovieren, in dem sie morgens unterrichtet.
Da diese Woche Ferien sind, hat der Direktor ihr erlaubt ein kleines verrottendes Gebäuder mit vier Klassensälen zu renovieren. Er wollte natürlich die Farben aussuchen. Eigentlich wollte Jennifer nur die Innenseite renovieren, aber wenn der Singhalese mal etwas Besserung und Geld in Aussicht hat, dann greift er zu. Also bestimmte er, dass auch die Außenseite gemacht werden muss.
Wir sind dann los und haben die Farben, die er geordert hat, sowie Pinsel usw. gekauft. Am ersten Tag haben Jennifer und Wilma, mit Hilfe von zwei Einheimischen Handwerkern, die „Fenster“ (ohne Glas, eine Art Gitter) vom Rost befreit, die Tische und Stühle geschrubbt und die Löcher in der Wand zugespachtelt. Am zweiten Tag ging es dann an das Streichen der Außenseiten, das Reinigen der Waschbecken, das Reparieren der völlig klapprigen Holzstühle und Tische, die jeweils ein rostiges Untergestellt haben und einen Teil der Innenwände. Als ich Mittags dazu kam habe ich allen Stühlen einen zweiten Anstrich verpasst, bzw. die Kanten, die Dineshi und Lahiro so großzügig ausgelassen hatten, gestrichen.
Heute haben wir dann alle Tische gestrichen, die Rückseiten und Gestelle der Stühle angemalt, die Sitzbänke gewaschen, geschliffen und angestrichen, den Außenbereich von Müll und Dreck befreit, die Gehplatten ordentlich gesetzt, die neuen Buddhas aufgestellt, die Tafeln mit klebriger Tafelfarbe gestrichen und alle Tische und Stühle wieder an ihren Platz gerückt.
Der Unterschied ist unglaublich. Zuvor waren die Klassenräume dreckig, völlig heruntergekommen, der Putz viel von den Wänden, die Tische waren so dreckig, dass man den Schwamm schon nach ein paar Quadratzentimetern auswaschen musste und ein riesiges Ameisennest bedeckte den Boden in einem Klassensaal.
Generell ist das Gebäude absolut suboptimal. Es ist eine Art großer Pavillion mit Trennwänden, die etwa bis zur Brust reichen, die vier Klassenräume abteilen sollen. Die Ziegel sind an vielen Stellen abgebrochen, es regnet herein. Wenn es in einer Klasse laut ist, ist es automatisch in allen Räumen laut. Die Metallgestelle schrabben über den blanken Beton, der den Fußboden darstellen soll. Es gibt weder Elektrizität, noch Wasser. Wasser gab es mal, aber da funktioniert nicht mehr, abgesehen davon waren die Waschbecken so voll mit Müll und Kleingetiers, dass ohnehin niemand seine Hände hätte waschen können.
Die Schule würde auch jetzt nach der Renovierung in Deutschland allein aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Aber für sri lankische und vor allem für die farbenliebenden Buddhisten ist sie nun wunderbar.
Sicher füllt eine renovierte Schule nicht die Mägen der armen Schulkinder, aber es macht ihnen eine Freude. Die Renovierung ist etwas, von dem alle profitieren. Es ist etwas, was nur für sie gemacht wurde, was man ihnen nicht wegnehmen oder vorenthalten kann. Leider bin ich am Montag zur Einweihung nicht da, aber ich bin mir sicher, dass die Kinder es lieben werden. Der Unterschied zu nachher ist unglaublich. Allein die neue Außenansicht ist ein himmelweiter Unterschied zu vorher.
Die beiden Handwerker, die gespachtelt und gemalt haben, hatten nun für 4 Tage von morgens 8 bis mittags 5 durchgearbeitet, nur für den von uns mitgebrachten Lunch haben sie kurz Pause gemacht. Dafür haben sie 40000 Rupies, etwa 35 Euro bekommen. Davon können sie hier so etwa 3 Monate leben. Für uns ein Hungerlohn, für die beiden der Auftrag ihres Lebens.
Heute kam noch irgendein Junge vorbei, der gesehen hatte, dass wir dort arbeiten. Er hat ohne Aufforderung den ganzen zusammengekehrten Müll vor dem Gebäude in Säcke verpackt und die Ränder der Tafeln gestrichen. Die 300 Rupies, die er bekommen hat, waren das Taschengeld seines Lebens.
Ich bin jetzt erst mal für vier Tage auf einem Trip zu allen wichtigen Sehenswürdigkeiten Sri Lankas. Wir fahren ins Elefantenwaisenhaus, nach Sirghariya, Kandy und Amadhapura.
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