Montag, 18.4.2011
Heute war mein erster Tag auf der Arbeit. Eigentlich unterrichte ich morgens in der Schule und arbeite mittags im Kinderheim mit den behinderten Kindern.
Da aber wegen Neujahr Ferien sind machen alle Urlaub. Die Waisenkinder und die behinderten Kinder, die sonst im Heim leben wurden für die Ferien nach Hause geschickt oder sind sonst wo. Keiner weiß so wirklich wo die Kinder sind. Noch nicht mal der Chef war da. Nur so eine Art Vertretung, der kaum Englisch sprach. Dieser Mann war der einzige Mitarbeiter den man im ganzen Heim finden konnte. Er hat mich dann rumgeführt und Michael hat mir erklärt wo alles ist. Das Heim beherbergt aber ständig auch eine Gruppe von etwa 40 behinderten Erwachsenen. Diese waren heute da. Viele lagen in ihren Betten, manche liefen herum. Die Erwachsenen sind sehr stark beeinträchtigt. Die meisten sind nicht nur körperlich behindert sondern auch geistig. Einige scheinen Down-Syndrom zu haben, andere brabbeln die ganz Zeit vor sich hin und wieder andere rennen einem hinterher und wollen einem ständig die Hand schütteln. Die meisten sitzen im Rollstuhl, können nur schwer laufen, haben verkrümmte Rücken oder haben diverse Fehlstellungen, wie z.B. eine kaputte Hand. Das Heim ist in einem miserablen Zustand. Es wurde vom Tsunami damals komplett dahingerafft und das was bis jetzt wieder aufgebaut ist sieht schlimm aus. Kaputte Wände, klapprige Möbel, von der sanitären Anlage gar nicht zu sprechen. In den Schlafräumen findet man zusammengewürfelte improvisierte Pritschen mit einer Art Kleiderständer davor. Das Bett und die 2 bis 3 Kleidungsstücke davor ist alles, was die Menschen besitzen. Die Kleider, die sie tragen sind völlig löchrig, zu groß oder zu klein und stehen vor Dreck. In den Schlafräumen stinkt es stark nach Urin, ganze Schwärme von Fliegen kreisen über den Betten. Die meisten der Menschen dort können nicht zur Toilette und tragen Pampers. Ich weiß nicht ob über die Feiertage jemand da war um die Pampers zu wechseln, es roch nicht so. Die, die einigermaßen laufen können fahren die Rollstühle mit den verkümmerten kleinen Gestalten in ihnen herum. Es viel mir extrem schwer nicht zu weinen. Diese Menschen haben einfach nichts. Für sie ist in dieser Gesellschaft nicht mal am Rande Platz. Das Heim, welches komplett privat finanziert ist, ist der einzige Ort an dem sie sein können. Dort sitzen sie nun und fristen ihr Leben. Es gibt, wenn nicht gerade Feiertage sind, sehr vieles dort. Webstühle, Sticksachen, Physiotherapie und auch eine Art Doktor. Ich wollte eine Cd abspielen um mit den Leuten zu tanzen oder zu singen. Ging nicht, kein Geld für die Stromrechnung. Es macht mich so wütend wie diese Menschen leben müssen. Während in Deutschland so mancher an einem Abend 50€ in der Disko verbrasst könnte man hier jedem Bewohner des Heims wenigstens mal ein T-Shirt kaufen. Jeden Morgen waschen die Bewohner, die es können, die T-Shirts, damit sie für den Tag nächsten Tag was zum Anziehen haben. Obwohl 2 T-Shirts und ein paar Shorts das einzige sind, was diese Menschen materiell besitzen sind sie ganz glücklich: sie lächeln, kabbeln sich und freuen sich, wenn man bei ihnen ist. Doch wenn man der einzige Mensch in einer Scharr von behinderten Erwachsenen ist, die nicht deine Sprache sprechen, nicht wissen wer du bist und alle seit Freitag die selbe Pampers tragen ist das nicht witzig oder einfach nur anstrengend sondern einfach nicht machbar. Ich saß da ohne jede Ahnung was ich tun sollte. Zwei Tische, meine Blockflöte und ein Stapel Malbücher waren alles, was ich hatte um die Menschen um mich herum zu beschäftigen. Diese kamen, setzten sich, malten zwei Striche und fingen dann alle and auf mich einzureden, mir ihre Bilder ins Gesicht zu halten. Man verstand kein Wort. Nicht nur weil es Singhalesich sein sollte...Manche wollten das ich etwas male und wenn ich dann das gemalt hatte worauf sie zeigten, waren sie noch nicht zufrieden, sondern wollten anscheinend irgendwas anderes, von dem ich nicht herausfinden konnte was es war. Ein jüngerer Bewohner sagte ungefähr 100x malu, was Fisch heißt, aber keiner der Fische, die ich für ihn gemalt habe gefiel ihm. Ein Mann hatte eine Fernbedienung, die er als „Telefon“ benutzte, ein anderer eine Trommel um seinen Hals, auf die er einschlug. Beim Malen ließ sich ein Mann mit Down-Syndrom auf den Boden fallen, malte dort weiter und weinte. Er war aber so schwer, dass ich ihn nicht wieder aufheben konnte. Ich saß da wie erstarrt, völlig überfordert. Einer der Bewohner lief durch das Tor, welches ich nicht schließen konnte, auf die Straße, der „Manager“ holte ihn zurück. Ein paar der Maler liefen ganz aufgebracht in den Schlafsaal und kamen nicht zurück. Ich hab dann die Blockflöte ausgepackt und einfach das ganze englische Kindersongsbuch zweimal gespielt. Das beruhigte alle etwas, auch wenn es schon etwas gruselig ist, wenn einem ein kleiner alter Mann dabei ständig die Schulter streichelt und ein Frau das Notenbuch klauen will.
Eigentlich hatte ich frohen Mutes für einen ganzen Tag zugesagt, doch da es schon morgens klar war, dass meine Mithilfe während dieser Woche keinen Sinn machten Michael und ich aus, dass ich um 12 Uhr gehen kann. Ich habe noch nie so sehr auf 12 Uhr gehofft, nicht während meiner ganzen 12,5 Jahre Schule, noch nicht mal in Latein oder gar Mathe. Ich war völlig fertig, wütend, traurig und besorgt. Michael hat Gott sei Dank gleich gemerkt, dass ich das keine ganze Woche durchhalte und hat mich für den Rest der Woche, bis die Kinder wieder da sind, im normalen Waisenhaus eingeschrieben. Diese Menschen dort brauchen dringend Hilfe, aber nicht von mir alleine. Ich kann noch nicht mal 3 gleichzeitig händeln, alle 40 ohne jede Unterstützung und Einweisung ist außerhalb jedes Rahmens.
Mit Personal ist das wieder etwas anderes, aber nicht ohne und nicht die Erwachsenen, das packe ich nicht. Zu viel für „Ronakka“. Wenn die Kinder und das Personal wieder da sind wird alles anders. Dann bin ich in einem anderen Teil des Heimes, in der Schule und vielleicht kann mit auch mal jemand erklären, was ich tun soll.
Die anderen Voluntäre waren dort als alle da waren (Personal und Kinder) und Cadence hat zwei Wochen dort gearbeitet. Es soll sehr gut gewesen sein. Aber dieser Tag heute bedarf absolut keiner Wiederholung.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen