Der Tsunami
Wir Europäer haben den Tsunami, der 2004 Sri Lanka erschütterte schon komplett vergessen. Schlimmer als das, noch ein anderes Land musste diese Naturkatastrophe erleben.
Hier weiß jeder noch ganz genau wie es am 26.12.2004 war. Gerade heute, als ein Mann in den Nachrichten verkündete, dass morgen ein neuer Tsunami das Land heimsuchen würde konnte man wieder die Furcht in den Augen der Menschen sehen.
Auch meine Gastfamilie wurde schwer vom Tsunami gebeutelt. Mein Gastvater war bei der Arbeit in Saudi Arabien und meine Gastmutter war im Krankenhaus. Dineshi, ihr kleiner Bruder und ihr Freund waren alleine Zuhause als die Welle sich aufbäumte und alles unter sich begrub. Mein Gastbruder wäre fast ertrunken, wenn Indika nicht im letzten Moment seine Hand hätte greifen können. Indika selbst hielt sich am Rand des Daches fest. Nach der Katastrophe lebte die Familie einen Monat ohne Wasser und Strom im Tempel. Ihr Haus war voller Schlamm, alles Hab und Gut wurde fortgespült. Dineshis Schulunterlagen waren nicht auffindbar, deshalb konnte sie ihren Abschluss erst ein Jahr später machen. Dieses Haus ist das einzige der Straße, dessen Grundmauern der Wasserflut stand hielten. Nur die Fenster und Türen, so wie die Möbel mussten erneuert werden. Alle anderen Häuser waren komplett zerstört. Das Haus von Indikas Familie war dem Boden gleich. Indika und Dineshi sind jetzt seit 8 Jahren zusammen. Schon 2003 hatte Indika angefangen ein Haus für ihn und Dineshi zu bauen, 2005 wenn es fertig sein sollte, sollte auch ihre Hochzeit stattfinden.
Leider zerstörte der Tsunami auch diese Vorstellung. Indikas Familie zog in das Haus bis ihres wieder aufgebaut war. Da sich die Familie aber nur ein sehr kleines neues Haus leisten konnte musste Indikas Bruder das Haus behalten. Sobald er wieder an Geld kam hat Indika ein neues Haus angefangen, auf einem Grundstück, welches die Familie als Tsunamihilfe vom Staat bekommen hat.
Das neue Haus ist nun fast fertig und im Oktober können die beiden nun heiraten.
Indika ist ein wrklich guter Freund, die Hochzeit zwischen ihm und Dineshi wurde nicht arrangiert. Liebesheirat wird hier in Sri Lanka immer gewöhnlicher.
Eine Hochzeit ist extrem teuer für die Eltern der Braut. Sie müssen ihr eine Art „Mitgift“, wie z.B. ein Stück Land oder eine große Menge Geld geben. Deshalb war es üblich die Heirat zu arrangieren und einen reichen Ehemann für die Tochter auszusuchen, dessen Familie keine große Mitgift erwarten würde.
Mein Gastvater hat erzählt, dass er sehr lange sparen musste, bis die Hochzeit seiner ersten Tochter stattfinden konnte. Ihr hat er ein Land gekauft. Dineshi und Indika werden die ganze Einrichtung für ihr Haus bekommen.
Indika baut das Haus ganz alleine. Seit 2 Jahren arbeitet er jeden Tag nach der Arbeit ganz alleine dort auf der Baustelle. Er spart jeden Cent um Baumaterial kaufen zu können. Den ohne Haus keine Hochzeit.
Im Moment ist es so das Dineshi nichts anderes tut als hier im Haus zu sein. Die Frauen in Sri Lanka sind immer in Angst vor den Männern auf den Straßen, weil sie immer nur die schlechten Dinge mitbekommen.
Dineshi hatte einen Job, aber der war so schlecht bezahlt, dass sie genauso gut auch Zuhause bleiben kann anstatt den ganzen Tag zu arbeiten. Außerdem hatte sie einen sehr gemeinen Chef, der sie mobbte und versuchte aus der Firma zu ekeln.
Sie hat keine Hobbys, außer Filme schauen. Das kommt nicht daher, dass sie an nichts anderem interessiert ist, sie hat nur einfach kein Geld um irgendwelchen Freizeitbeschäftigungen nachzugehen.
Als Dineshi heute hörte, dass ein neuer Tsunami kommen soll war sie völlig geschockt. Wenn sie vom Tag des Tsunamis erzählt zittert sie immer noch.
Es gibt jetzt ein Warnsystem, welches 2 Stunden vor einem neuen Tsunami ausschlägt. Alle die angemeldet sind bekommen dann eine Sms und überall ertönen Sirenen. Dann müssen die Menschen so schnell wie möglich ins Landesinnere und auf Höhen flüchten.
Für den angeblichen neuen Tsunami gab es heute auch gleich wieder Entwarnung. Forscher haben die Vorhersage überprüft und nicht verifiziert. Mich hat das Ganze schon sehr erschreckt, aber Michael sagt, dass es öfter solche Menschen gibt, die das behaupten nur um die Menschen hier in Panik zu versetzen. Aber naja, nahe lag das ja schon, nach all dem, was in Japan passiert ist. Gott sei Dank wurde es nicht bestätigt.
Das Buddhistische Neujahrsfest
Seit Tagen waren alle in heller Aufregung wegen des Buddhistischen Neujahrsfestes. Die Straßen waren komplett überfüllt und man musste an manchen Geschäften seit dem morgen anstehen um am Mittag eventuell etwas kaufen zu können.
Alle Buddhisten kaufen für Neujahr alles neu. Es gibt neue Kleider, neue Vorhänge, das Haus wird geputzt etc. Die Frauen verbringen den ganzen vorigen Tag damit ganz bestimmte Süßigkeiten zuzubereiten. Am Neujahrstag selbst müssen die Buddhisten strengen Regeln folgen. Sie dürfen von 6 Uhr morgens bis 1 Uhr mittags nichts Essen oder trinken und sie dürfen niemandem etwas geben oder etwas annehmen. Pushba, die Gastmutter, ist die einzige Buddhistin im Haus, aber ihre Kinder folgen ihr. Pushba durfte uns morgens nicht mal unseren Tee geben. Sie musste ihn erst abstellen und dann konnten wir ihn nehmen. Wir haben den Morgen am Strand verbracht und ich habe einen ziemlich unschönen schmerzenden Sonnenbrand bekommen. LSF 30 ist wohl bei dieser Sonnenstärke zu wenig. Breanna gibt mir jetzt fürs nächste Mal ihre 50er Sonnencreme…
Um 1 Uhr wird dann mitten im Wohnzimmer eine Art Feuerstelle errichtet. Dort wird dann die Milch für den traditionellen Milchreis gekocht. Alle sind ganz verrückt nach dem Milchreis, der sehr salzig ist und mir gar nicht geschmeckt hat ;-)
Um 3 Uhr gibt es dann eine Art Festmahl. Dieses wird mit einer Zeremonie eröffnet. Der Vater des Hauses zündet eine Öllampe an. Dann gibt er jedem Familienmitglied ein Stück des erkalteten Milchreises und jeder bekommt 50 Rupies ( 30Cent). Wenn man die Rupies erhalten hat geht man vor dem Vater auf die Knie und berührt seine Füße als Dank. Das machen hier alle Kinder als Zeichen des Respeltes vor ihren Eltern und ihren Großeltern. Generell wird das Wohl der Alten hier sehr groß geschrieben. Michaels Mutter lebt direkt neben uns, sie kommt ab und an vorbei und dann gibt es einen Schaukelstuhl an der Tür, der extra für sie reserviert ist. Sie ist sehr süß. 72 Jahre alt, immer am lächeln und brabbeln. Wenn man sie begrüßt freut sie sich riesig und erzählt immer etwas auf Singahlesich. Man muss dann einfach nicken und wenn man geht sagt man Ayubowan, dann ist sie überglücklich. Als Kadence am Neujahrsfest zurück nach Amerika gefolgen ist, hat Atschi (das ist nicht der Name der Großmutter, sondern das Singhalesiche Wort für Oma, Atschis richtiger Name ist zu schwer) sogar geweint.
Wenn also jeder sein Geld bekommen hat ist der Tisch eröffnet. Es gibt allerhand Süßigkeiten und Kuchen. Jeder will hier immer, dass man alles probiert und ganz viel nimmt. Leider war das meiste auf dem Tisch entweder reiner Zucker oder ganz scharf oder am schlimmsten beides vermischt. Dann muss man einfach lächeln, es mit Tee runterspülen und beteuern, dass es gut war, aber man nichts mehr essen kann. Nach dem Essen bei meiner Gastfamilie wollte Atschi noch, dass wir etwas bei ihr Essen. Also weiterlächeln, etwas unverfängliches, wie einen Marshmallow, nehmen und wiederholen wie viel man doch schon gegessen hat.
Es gibt am Neujahrstag noch viele andere festgelegte Riten, wie z.B. eine Waschung mit Öl und eine Zeit zu der man ganz viele Feuerwerkskörper anzündet. Die Jungs, besonders Matt aus den Usa, waren den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt.
An Neujahr ist alles geschlossen und die Straßen sind wie leergefegt.
Zur Feier des neuen Jahres und als Zeichen seiner Dankbarkeit hat uns Michael Fahrer, der immer die Voluntäre abholt und damit seinen Lebensunterhalt finanziert, zu sich eingeladen.
Also wurden um 12 Uhr alle ins Auto geladen. Auf dem Weg zum Haus haben wir auch noch die anderen Voluntäre abgeholt, die ja wochentags im Kinderheim arbeiten. So ging es also mit 13 Personen, einem Fahrer und einem Baby im Kleinbus durch die verschlungenen Straßen von Galle. Wir fuhren zum Schluss eine sehr steile Straße hoch, die gerade so breit war wie der Bus und da waren wir. Alle raus aus dem Bus, alle Schuhe aus. Im Haus wartete schon die ganze Familie des Fahrers, einschließlich aller seiner Neffen und Nichten. Man reichte Bier (das hier für die normale Bevölkerung fast unerschwinglich ist) und Saft. Dann wurde ein riesiges Buffet mit allen möglichen Speisen aufgebaut. Das Essen war unglaublich scharf. Ich habe zuerst die anderen probieren lassen und dann die weniger „gefährlichen“ Sachen, wie puren Reis und Gemüse genommen. Hier in Sri Lanka ist der Gast immer der Erste. Niemand ist etwas bevor nicht jeder Gast genug hatte. Selbst wenn man hundert mal betont, dass sie sich doch bedienen sollen, wird kein Sri Lanker das Essen anrühren, bevor man seinen Teller nicht abgestellt und beteuert hat, dass man völlig satt ist.
Zum Nachtisch gab es Schokoladeneis und flüssigen Wackelpudding. Als der Gastgeber in einem Gespräch aufschnappte, dass jemand gerne Vanilleeis mag wurde sofort jemand geschickt um welches zu kaufen.
Der Fahrer selbst hat 3 Töchter. Diese waren unglaublich süß. Als ich sie auf Singahlesich fragte, wie sie heißen waren sie ganz verblüfft und antworteten ganz schüchtern. Die beiden älteren haben dann versucht der kleinsten beizubringen, wie sie auf Englisch antworten kann, aber sie hat sich nicht getraut. Als sie meinen Namen hörten haben die Kinder sich kaputt gelacht. Ronja haben sie natürlich noch nie gehört und aussprechen kann den Namen hier auch niemand. Im Kinderheim werde ich den Kinder einfach sagen ich heiße Cathi, die Kurzform meines Zweitnamens Cathrina, weil sie meinen Namen wohl auch nicht werden aussprechen können.
Die Kinder waren ganz angetan von uns. Die Mädchen haben mich die ganze Zeit angestarrt und gesagt wie schön meine Augen seien. Als Wilma ihre Kamera ausgepackt hat waren die Kinder völlig aus dem Häuschen. Sie konnten einfach nicht verstehen, wie sie in den Apparat kommen und alle 10 versuchten immer aufs Bild zu kommen. Als Wilma ihnen dann ein Video gezeigt hat waren sie wie gebannt vor dem Bildschirm. Die Mädels haben uns alle ihre Namen aufschreiben lassen und unsere Telefonnnummern. Ich weiß nicht ob sie uns anrufen wollen oder so, vielleicht ist es nur eine Art Erinnerung.
Die Familie lebt in sehr ärmlichen Verhältnissen. Das Haus war fern des Stadtzentrums, sehr klein und sehr spärlich eingerichtet. Michael hat jedem der Kinder etwas Geld gegeben, dass hat sie völlig umgehauen.
Zum Abschied haben alle gewunken wie die Weltmeister, ich glaube „so etwas“ wie uns sehen sie nicht allzu oft.
Heute Nachmittag waren wir dann am „Dutch fort“. Eine der sieben größten Sehenswürdigkeiten Sri Lankas. Eine alte Festungsanlage, direkt am Meer, die die Holländer zum Schutz vor Feinden errichteten. Früher lag die ganze Stadt Galle innerhalb des Forts. Heute erstreckt sie sich über viele viele Quadratkilometer um das Fort herum. Man kann einmal um das ort herumlaufen, dass einen sehr schönen Blick auf die Stadt und das Meer ermöglicht. Innerhalb gibt es einen alten Leuchtturm, viele kleine Geschäfte und das Gericht.
Man findet sehr viele riesige alte Bäume, die sich nur vom Regenwasser am Leben halten. Viele von ihnen sind schon 200 Jahre alt. Zur Feier des Neujahrsfest haben viele Einheimische im Wasser rund um die Mauern des Forts gebadet. Ein witziges Spektakel, da die Singhalesen auf Grund ihrer Religion immer völlig bekleidet ins Wasser steigen. Dann kommen sie raus und ihre Kleider sind komplett durchnässt und somit ziemlich durchsichtig, sodass man ihre Unterwäsche doch sieht ;-) Heute Abend gab es wieder ein großes Gewitter und massig Regen. Wenn es regnet, regnet es sehr heftig aber nicht allzu lange. Wir Volontäre saßen nach dem Essen noch am Tisch und haben einfach gequatscht. Es ist einfach unglaublich was die anderen so erlebt haben und was sie tun. Wilma, die amerikanische Rentnerin, die in Haiti war, schreibt ständig Firmen an und bittet um Sachspenden. Sie hat so viel zu erzählen und hat einfach eine unglaubliche Einstellung. Jenni aus England war die letzen 6 Monate in Indien und ist jetzt hier bei uns. Ihre Mutter kommt nächste Woche und hat 700 Pfund Spenden gesammelt. Jenni ist so aufgeregt, weil sie ganz genau geplant hat, was sie den Kindern kaufen will und was sie in der Schule hier verändern will. Sie erzählt so lebhaft von den Kindern, man merkt richtig wie viel Spaß es ihr macht.
Heute Abend gab es Spaghetti mit Ei, ohne Curry, ohne irgendein scharfes Gewürz. Natürlich gab es auch höllisch scharfe Currysauce dazu, aber es ist so süß, dass Pushba so etwas zu Essen macht. Jetzt am Anfang vermisst man noch viele Sachen wie Käse ( nein, so etwas gibt es hier nicht mal ansatzweise) oder Brötchen ohne Chillifüllung, Saft der kein Papayasaft ist, Wasser mit Kohlensäure, warmes Wasser wenn man das Fenster im Bad nicht schließen kann während draußen ein Gewitter tobt, Anschnallgurte in diesem verrückten Verkehr, Fenster die die Kleintiere und die Hitze abhalten und Glätteisen ( die bei der Luftfeuchtigkeit ohnehin nutzlos sind)…Aber mittlerweile merkt man wie man sich an alles gewöhnt, was einem zuvor so unglaublich anders erschien. Wenn man mit dem TukTuk durch Galle fährt ist es witzig zu beobachten wie ab und an zwei Weiße in einem anderen TukTuk um ihr Leben bangen. Wenn sie einen dann gequält anlächeln versuche ich immer ein aufmunterntes „Seht wir haben das auch überlebt“- Lächeln bereitzuhalten.
So das wars für heute, genug Lesestoff für alle Daheimgebliebenen....