Seit letzter Woche arbeite ich morgens nicht mehr im Kinderheim sondern in meinem eigentlichen Morgen-Projekt der "Dissanayake Junior School for mentally and physically disabled children".
An meinem ersten Tag wurde ich ganz nett aufgenommen und begrüßt.
Der Englischlehrer, der einzige der,wenn auch sehr fehlerbehaftet, Englisch spricht ( und nicht nur versteht) führte mich herum und stellte mich der Direktorin und anderen Lehrer vor.
Das Schulgebäude an sich ist für srilankische Verhältnisse ganz ok.Es gibt mal wieder keine einzelnen Klassenräume sondern die Lerngruppen sind nur durch Holztrennwände separiert.
Richtige Fenster gibt es nicht, die sanitären Anlagen sind naja, Sri Lanka halt.
Spielzeug und Unterichtsmaterialmäßig sind sie ganz gut ausgestattet. Da die Schule vom Tsunami komplett ausgespült und teils niedergerissen wurde sind die meisten Bauteile gespendet und zusammengewürfelt. "We got this from those, that from those, oh yes, that's from a German guy..."
Meine Mitbringsel wurden gleich in einen Glasschrank einsortiert und beschriftet, der Schrank und die Ordnung kommt von einem deutschen Ehepaar.
Einige der Lehrer, unter anderem auch der Co-Direktor, sind selbst körperlich behindert. Indika, ein Kunstlehrer hat völlig umgebogene Füße, der Co-Direktor hat kein Gefühl in den Beinen.
An meinem ersten Tag habe ich dann zusammen mit Indika, der in diesem Fall mein Übersetzer war (er versteht Englisch, kann aber nicht sprechen, sondern schreibt es auf), eine Klasse geistig schwerstbehinderter Jungen beim Malen beaufsichtigt. Ich habe Linien gezeichnet und die Kinder haben es dann ausgemalt. Nach etwa 30 Bildern gingen mir echt die Ideen aus, sodass ich die Kinder sogar Igel malen ließ, ein Tier, welches es hier definitiv nicht gibt.
Erstaunlich hoch im Kurs war die Annanas. Alle schrien lauthals "Annasi!!!!".
Generell sind die Klassen in der Schule nach dem geistigen Zustand der Kinder eingeteilt. Es kommt also durchaus vor, dass 17-Jährige mit 10-Jährigen in einer Klasse sind.
In der Klasse vom ersten Tag waren zwei Down-Syndrom Jungen, die sogar älter als ich waren, aber wie 14 aussahen.
Die Konzentrationsspanne ist sehr kurz bei den Kindern. Die meisten sind so stark beeinträchtigt, oft sowohl körperlich als auch geistig, dass die meisten gar nicht ihren Namen wissen.
Man kann eine Aktivität immer nur für höchstens 20min durchziehen, danach ist dieKonzentration aufgebracht und alle springen auf, rennen herum müssen zur Toilette usw.
Die einen malen ein Bild ganz ordentlich aus, andere malen einfach das ganze Blatt und alles um sie herum an.
Alleine kann man so eine Bande gar nicht bändigen, da muss mindestens mal jemand dabei sein, der mehr Sinhala als "Epa" beherrscht um die Kinder wenigstens davon abzuhalten sich ständig zu hauen.
An meinem ersten Tag ernannte man mich zur neuen Musiklehrerin, da die alte kürzlich in den Ruhestand gegangen ist und sagte, ich könne am Montag mit eigenem Stundenplan anfangen.
Als ich am Montag wieder kam gab man mir den Schlüssel zum Musikraum, ich sollte mir mal einen Überblick über den Vorrat an Instrumenten machen.
Ich war gerade dabei ein paar Tische zusammen- und Stühle aufzubauen nachdem ich die Geigensaiten neu aufgezogen und gestimmt hatte, als ein Lehrer mit einem Mann reinkam und die Schränke, die ich gerade feinsäuberlich sortiert hatte, ausräumte.
Sie zählten dann alle Instrumente und schrieben die Mengen auf. Dann kamen die Direktorin, der Codirektor und zwei Kinder hinzu und es wurde erstmal eine Stunde in Sinhala geplaudert. Ich saß da und hatte keine Ahnung was vor sich geht. Am Ende der Plauderei eröffnete man mir, dass der zweite Mann der neue Musiklehrer sei.
Er würde morgen anfangen und ich solle ihm helfen. Nett, dass der Mann kein Wort Englisch spricht.
Er nahm dann, wieder meines Protestes die frischreparierte Geige aus dem Kasten und drehte an den Wirbeln. Ergebniss, Saiten reissen wieder....toll!
Dann gab es wieder eine Diskussion zwischen dem Grüppchen. Ich fragte was das Ergebnis sei, man sagte mir man müsse erst darüber nachdenken, wie lange die Kinder laufen können.
Häh ??????
Man erklärte mir dann, dass die Kinder zwar 1,5 Kilometer, aber nicht 2 laufen können, weil, vielleicht hätte ich das schon gemerkt, sie seien nicht so ganz normal...
Bitte ???
Dann sagte der Lehrer, ja in der Parade, da wollen die, dass die Kinder viel laufen...
Nach viel hin und her erfuhr ich dann, dass es jdes Jahr eine Parade, bei derKinder aus der Schule mit Trommen mitlaufen und dafür sollen sie in Musik üben...Meine Güte, was ein Krampf...
Heute morgen bin ich dann gleich Richtung Musikraum und wollte mit dem Unterrich starten, doch keiner da.
Der Lehrer hat in einer anderen Klasse mit Kindern gemalt.Da den ganzen Tag niemand dort hin kam und weder Direktorin noch Codirektor auf meine Nachfrage hin keine Anstalten machten mich irgendwo hin zu schicken, bin ich dann einfach in eine der Vorschulklassen und habe mit den Kleinen gemalt, gebastelt und Seifenblasen fliegen lassen.
Die meiste Zeit verbringt man aber in den Klassen damit,sich vor den Schlägen der Kleinen zu ducken. Sie wissen nicht, dass Hauen keine angemessene Zuneigungsbekundeung ist und können nicht verstehen, dass ich es nicht mag, wenn sie mich beißen, mir irgendwas auf den Kopf oder Rücken hauen oder mir in die Arme beißen.
Weiterhin werde ich von den Kindern als Abtrockentuch, Malpapier und Stuhl benutzt.
Alles in Allem ist die Arbeit extrem anstrengend. Die Kleinen haben zwar ihre Eltern dabei, da sie seit dem Tsunami große Angst haben ihre Kinder alleine zu lassen, aber die können die Kleinen nur bedingt ruhig halten.
Manche wollen auch nicht, dass die Weiße mit ihren Kindern spielt.Andere sind ganz begeistert.
Die Kinder sind sehr süß. Zum Abschied küssen sie mir, wie den anderen Lehrern die Füße und rufen "Ayubowan, teacher !".
Die Arbeit an sich ist eigentlich echt sinnlos. Heute habe ich eine Stunde lang Papierkügelchen auf Blätter geklebt.Die Lehrerin in der Klasse wollte unbedingt, dass die Kinder das machen. Aber die haben sich gar nicht an mir gestört und haben weiter Quatsch gemacht. Außer klebrige Finger ist also wenig rumgekommen.
Es gibt eine ziemlich große Zahl an Personal. Aber keinen der mich braucht. Die Lehrer können nicht mit mir kommunizieren, also lassen sie es und ich weiß meistens nicht was ich machen soll.
Als ich heute die Seifenblasen und Ballons ausgepackt habe, habe ich regelrecht einen Tumult verursacht. Seifenblasen gibt es hier nicht und für Ballons gibt es kein Geld.
Die Kinder kommen immer zu mir und reiben meine Arme und riechen an meiner Haut. Sie denken, die Farbe müsse irgendwie abgehen.
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